Lost Places: Der vergessene Norden

#1 von Ernst , 21.07.2018 21:56

Es gibt zahlreiche mysteriöse und vergessene Orte irgendwo in Norddeutschland, die ein Geheimnis in sich tragen - die so genannten "Lost Places".

NDR Reporter Philipp Jeß begibt sich für DAS! auf Spurensuche und erkundet still gelegte U-Bahnhöfe, an die sich heute kaum einer erinnert oder an ein NATO-Übungsmanöver auf der Autobahn A 29.

Atomschutzbunker in Altona
https://www.ndr.de/kultur/geschichte/Los...,dasx15486.html

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RE: Lost Places: Der vergessene Norden

#2 von Game , 21.07.2018 22:05

"Operation Highway 84"

Im Jahr 1984 probt die NATO mit dem Manöver "Operation Highway 84" den Ernstfall: Unzählige Kriegsgeräte und Truppen werden eingeflogen und ein kleiner Autobahnrastplatz wird für ein Wochenende zum spektakulären Schauplatz des Kalten Krieges. Wäre es zum Ernstfall gekommen, hätte die NATO mitten in der niedersächsischen Provinz eine Drehscheibe für militärische Operationen einrichten können.
Die "Operation Highway 84" findet auf der A29 statt, doch dieser Notlandeplatz ist inzwischen zurückgebaut. Gemeinsam mit Helmut Friz, einem ehemaligen Projektoffizier der Bundeswehr, geht Reporter Philipp Jeß auf einem Teilstück der A27 bei Neuenwalde in Niedersachsen auf Spurensuche.
Immer wenn kein Grünstreifen die A27 trennt, fahren sie auf der Fahrbahn über einen militärischen Notlandeplatz. Dann reicht die Betondecke in voller Ausdehnung 27 Meter über alle Spuren und bis zur nächsten Brücke sind es mindestens zwei Kilometer. Genug Platz um mit Düsenjägern, großen Bombern oder sogar Transportmaschinen auf der Autobahn zu landen. Die Mittelleitplanke ist nur in den Boden gesteckt und könnte binnen eines Tages von der Strecke entfernt werden. Rund 60 dieser Notlandeplätze gibt es. Viele davon liegen im flachen Norddeutschland. Es sind Relikte aus dem Kalten Krieg. Der Ernstfall wurde in aufwendigen Übungen trainiert. Eine davon trug den Namen: "Operation Highway 84"
Helmut Friz ist damals der Projektoffizier. Der junge Major und ausgebildete Fluglotse ist Chef der Flugsicherung am Fliegerhorst Oldenburg, als die NATO die Bundeswehr mit der Organisation von sogenannten NLP-Übungen beauftragt. Es soll das spannendste Projekt seiner Karriere werden. Nicht nur wegen organisatorischer Abstimmungen mit den Amerikanern und mit der Autobahnmeisterei, auch wegen Protesten der Friedensbewegung, bei denen einige Demonstranten sogar "Krähenfüße" auf die Fahrbahn geworfen haben sollen. Dazu kommen noch eine Reihe anderer Zwischenfälle, die heute nur so amüsant sind, weil es nicht geknallt hat.
So ist ein französischer Kampfpilot mit seiner Maschine in Nordholz gelandet und bekommt dort mit, dass NATO-Kollegen auf der Autobahn ein interessantes Training absolvieren. Das ist offenbar sehr reizvoll und als er wieder in der Luft ist, setzt der Franzose mit seiner Mirage spontan und unangemeldet zur Landung auf der Fahrbahn an. Jedoch viel zu knapp. "Ein paar Hundert Meter vor der nächsten Brücke war die Maschine noch in der Luft", erzählt Helmut Friz und man spürt wie sich die Aufregung über den Beinahe-Crash wieder breitmacht. Gerade noch rechtzeitig erkennt der Pilot, wie sehr er sich verschätzt hat und gibt wieder Schub. Er schafft es nur knapp über die Autobahnbrücke und entfernt sich grußlos Richtung Frankreich. Ein Landwirt, der während der Übung das damals noch nicht freigegebene Autobahnstück als Abkürzung zu seinen Feldern nutzen will, ist höflicher. Auch hier geht alles gut: Mensch, Traktor und Jets bleiben unbeschadet.
A-10-Bomber, Alphajets und Starfighter: Helmut Frizs Augen leuchten, wenn er die verschiedenen Militärmaschinen aufzählt, die im März 1984 auf der A27 bei Alhorn vor seiner Kamera das Starten und Landen auf der Autobahn proben. Dabei ist die Übung alles andere als eine Flugshow mit "Top-Gun-Feeling". Es ist die Probe für den Worst Case, für den Fall, dass der Gegner die eigenen Flughäfen zerstört, während NATO-Maschinen noch im Einsatz sind. Die zurückkehrenden Maschinen hätten auf den Autobahnen landen, mit Kraftstoff versorgt werden und in noch nicht zerstörtes Gebiet verlegt werden sollen. Zwar wird bei den Übungen auch trainiert, die Jagdbomber auf der Fahrbahn mit neuen Raketen zu bestücken, das sei aber nicht die primäre Strategie gewesen.

Die Notlandeplätze gehören zur Geschichte des Kalten Kriegs. Und bald werden keine Spuren mehr von Ihnen erzählen, denn die Flächen werden nach und nach zurückgebaut.

Angefügte Bilder:
Sie haben nicht die nötigen Rechte, um die angehängten Bilder zu sehen
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RE: Lost Places: Der vergessene Norden

#3 von Oldpa , 21.07.2018 22:12

Werk Tanne
Sie nannten sie "Goldköpfchen" oder "Kanarienvögel". Sie waren in Clausthal-Zellerfeld jedem bekannt und trotzdem sprach lange keiner der Bewohner über sie: die Zwangsarbeiter, die in der Sprengstoff-Fabrik Werk Tanne arbeiteten. Noch heute erinnern die Ruinen der Fabrik an das Schicksal der Menschen, die hier Sprengstoff produzieren mussten. Auch die Natur rund um das Werk leidet heute noch unter den Spätfolgen.
Erste Pläne für eine Rüstungsfabrik in der Gegend gab es bereits 1933. Lange bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht. Damals engagiert sich der Landrat der Region für den Standort. Clausthal-Zellerfeld liegt im Oberharz und somit zentral im Dritten Reich. Wegen der umliegenden Wälder wäre eine Fabrik hier aus der Luft schlecht zu erkennen, denken die Planer. Und noch etwas spricht für die Region: Der Bergbau, der hier lange Zeit die Wirtschaft dominierte, ist dem Untergang geweiht. In den 20er-Jahren schließen Dutzende Bergwerke. Viele Menschen in der Region sind arbeits- und perspektivlos.
1935 unterzeichnen die Verantwortlichen den Kaufvertrag, 1936 ist das Werk bereits in Teilen fertig. Allerdings ist Tanne, wie der Tarnname des Werks lautet, zunächst nur ein "Schlafwerk". Es besteht aus 214 Einzelgebäuden. Darin zwei Produktionslinien - falls das Werk angegriffenen wird oder es sonstige Ausfälle gibt. Was im Werk passiert, darf nicht nach außen dringen. Die Presse bekommt von den Nazis einen Maulkorb verpasst.
Ab Frühling 1939 läuft die Produktion im Werk. In Tanne wird vor allem Trinitrotoluol (TNT) produziert. Andere Sprengstoffe werden in Granaten, Waffen und Bomben gefüllt. Außerdem wird fehlerhafte und erbeutete Munition aufgearbeitet. Zu Spitzenzeiten werden in dem mittelgroßen Sprengstoffwerk zwölf Prozent des gesamten deutschen TNTs produziert.
Doch anders als zunächst gedacht arbeiten im Tanne weniger Einheimische. Die Männer und Frauen an den Produktionslinien sind vor allem Zwangsarbeiter. Sie kommen aus Frankreich, Belgien, Jugoslawien, Polen und der Slowakei. Später sind es vor allem Russen. Täglich kommen sie mit den hochgiftigen Stoffen in Kontakt, müssen sie mit bloßen Händen bearbeiten. Es gibt kaum Schutzkleidung.
Allerdings: Die Arbeiter bekommen eine Sonderration Milch. Was damals allerdings nicht bekannt ist: Milch beschleunigt die Aufnahme von Giftstoffen eher. Das TNT dringt in den Körper ein - über die Lunge, die Haut und auch mit der Nahrungsaufnahme. Die Menschen verändern sich. Ihre Haare und Haut färben sich golden oder rot. Das TNT greift den Organismus an und zerstört die roten Blutkörperchen. Leber, Knochenmark und Lunge werden so irreparabel geschädigt.
Für jedermann ist sichtbar: Die Arbeit in der Fabrik schadet den Arbeitern. Die Menschen in Clausthal-Zellerfeld nennen sie "Goldköpfchen" oder "Kanarienvögel". Täglich begegnen sie ihnen, wenn sie aus ihnen Unterkünften in die Fabrik gebracht werden. Zusätzlich zur Arbeit machen Hunger, Kälte und Lungenerkrankungen den Arbeitern zu schaffen. Hinzu kommen zahlreiche Betriebsunfälle an den Produktionsstrecken. Auch die Kindersterblichkeit ist groß: Kaum eines der Kinder, das eine Zwangsarbeiterin zur Welt bringt, erreicht das Grundschulalter. Die meisten sterben vorher - an Herzschwäche. Außerdem gehen zwei große Unglücke in die Geschichte des Werks ein. Bei einer großen Explosion im Jahr 1940 sterben 61 Menschen. Und bei einem Luftangriff der Alliierten im Jahr 1944 verlieren 156 Menschen ihr Leben. Bei beiden Unglücken sind die Opfer zum großen Teil Zwangsarbeiter.
Auch die Natur rund um die Fabrik leidet, sie wird durch die Sprengstoffproduktion zerstört. Denn der Rüstungskonzern hat sich keine Gedanken darüber gemacht, wohin die Abwässer aus der Produktion fließen sollen. So fließen die Abwässer in die Söse, die Fische in dem kleinen Fluss sterben. Eine Lösung muss her. Die Verantwortlichen entscheiden sich dagegen, das Wasser zu klären, weil das zu teuer wäre. Stattdessen leiten sie die giftigen Abwässer in sogenannte Schluckbrunnen - natürliche Karsthöhlen - im Bereich Osterode.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gerät das Werk in Vergessenheit. Oder die Menschen am Ort wollen es vergessen. "Es wurde viel verschwiegen und auch viel verdrängt damals", erinnert sich Heidrun B., die in der Nähe des Werks aufwuchs. Diesen Eindruck teilt auch Friedhart Knolle. Der Geologe setzt sich dafür ein, dass die Geschichte des Werkes aufgearbeitet wird. "Lange gab es ein Schweigekartell rund um das Werk Tanne", sagt er.
Anfang der 80er-Jahre studiert Knolle an der Technischen Universität in Clausthal-Zellerfeld Geologie. Sein Institut ist nur wenige Tausend Meter von den Ruinen des Werks entfernt. Er ist an der Umwelt und seiner Heimat, dem Oberharz, interessiert. Gemeinsam mit anderen umweltbewussten Jugendlichen setzt er sich dafür ein, dass das Schweigen rund um die Rüstungsaltlasten im Boden der Bundesrepublik gebrochen wird. Doch die befindet sich noch mitten im Kalten Krieg. Die Behörden mauern. Unter Federführung des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) schließen sich die Umweltschützer zusammen. Mit verschiedenen öffentlichkeitswirksamen Kampagnen erreichen sie, dass das Land Niedersachsen sich ab 1987 mit der Aufarbeitung beschäftigt. Dann folgt ein langer Rechtsstreit.
Niedersachsen und die IVG Immobilien AG streiten, wer für die Sanierung des Bodens zahlen muss. Der IVG gehört das Gelände, sie ist die Nachfolgegesellschaft der MONTAN, Eigentümerin des Grundstücks und Bauherrin des Werks Tanne zur NS-Zeit. 2014 gibt es einen Vergleich: Jährlich fließen von der IVG zwei Millionen Euro - für 15 Jahre. Damit werden Boden und Grundwasser rund um das Werk Tanne und zwei andere Fabriken saniert. "Ich bin damit zufrieden, wie es jetzt anläuft. Ich bin allerdings unzufrieden damit, dass es so lange gedauert hat, eine Lösung zu finden", sagt Knolle.


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RE: Lost Places: Der vergessene Norden

#4 von Olli K , 21.07.2018 22:18

Kurmittelhaus Norderney
35 Jahre wurden im Kurmittelhaus auf Norderney Patienten mit der Kraft des Meeres gepflegt. Als die Behandlungen immer seltener verschrieben wurden, musste es 1999 schließen.
Langsam drückt sich das Regenwasser durch die Wände des seit 18 Jahren still gelegten Gebäudes. Die marode Substanz ist längst von Moos überwuchert und von allerlei Sorten Pflanzen eingenommen. Äste klopfen im Takt gegen die zum Teil zerbrochenen Fenster. Graffiti an den Wänden zeugen von ungebetenen Gästen.
Heilung durch Schlick
Nur mit vorsichtigen Schritten kann Hans-Emmius Rass seine ehemalige Arbeitsstätte erkunden. Es ist das einstige Kurmittelhaus auf Norderney. Ein mehr als 8.000 Quadratmeter großes Areal mitten im Herzen der Insel. 35 Jahre lang gingen hier einst Hunderte Menschen täglich ein und aus. Chronische Hautkrankheiten, Rheuma oder Atemwegserkrankungen sollten durch die Kraft des Meeres geheilt werden. Dutzende medizinische Fachleute behandelten die Patienten mit Algen und Schlick. Die Meeresluft sollte ihr übriges tun.
Hans-Emmius Rass verbindet eine ganz besondere Geschichte mit dem Gebäude. Der heutige stellvertretende Geschäftsführer des Tourismus-Verbandes der Insel blickt auf eine ungewöhnliche Karriere zurück: "Ich war hier als Klempner beschäftigt und als Heizungsmonteur und wir hatten eben auch Personalnot." Immer häufiger springt der 63 Jährige für das Fachpersonal ein. Aus dem Klempner wird ein Masseur, der Schlick-Kuren verabreicht.

"Meeresgold" kommt mit Aufzug
1964 eröffnet das einstige Kurmittelhaus. Über zwei Etagen und in mehr als 60 Räumlichkeiten bekommen Patienten auf Rezept Pflege für Körper und Geist. Besonders oft werden Wannen mit dem sogenannten Meeresgold, also Schlick, gefüllt. Um die Substanz in jede einzelne Kabine zu transportieren, gibt es einen speziellen Aufzug. "Dann wurde der in Wärmebehälter gepackt und da wurde er stehen gelassen, bis die Patienten alle vor Ort waren", erinnert sich Rass. Wenn die Patienten dann da waren, sei der Schlick herausgeholt worden und die Kurgäste wurden damit eingerieben. Nach 20 Minuten wurde abgeduscht.
Für die meisten erholungshungrigen Menschen ging es dann meistens noch weiter. Im Massage-Großraum arbeiteten zu Zeiten der Hochkonjunktur des Kurmittelhauses bis zu sechs Masseure. "Man musste der Nachfrage gerecht werden und dann wurde hier der Raum danach aufgeteilt," erinnert sich Rass.

Der Absturz
Anfang der 90er Jahre kommen dann plötzlich immer weniger Patienten. Mehr als die Hälfte des Gebäudes wird nicht mehr genutzt. Der Grund: die neue Gesundheitsreform. Die aufwendigen Behandlungen werden vom Arzt kaum noch verschrieben. 1999 schließt das Kurmittelhaus. Die einstige Erholungslandschaft wird aufgegeben und sich selbst überlassen. Bis zum heutigen Tag. Um Menschen auch weiterhin mit der Gesundheit aus dem Meer zu versorgen, wurde 2006 das Badehaus umgebaut. Das Gebäude steht in unmittelbarer Nähe zum alten Kurmittelhaus und ist sozusagen die neuere, angepasste Version der ehemaligen Erholungsstätte.

Vom "Lost Place" zum Hotel?
Das alte Kurmittelhaus soll im Laufe dieses Jahres abgerissen werden und Platz für Neues schenken. In naher Zukunft, so eine Sprecherin des Grundstückseigentümers Staatsbad Norderney GmbH könnte hier ein Hotelneubau stehen.

Ob dann der Verfall Absicht war zur Gewinnung Baugrund für profitables Hotelprojekt ?


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zuletzt bearbeitet 21.07.2018 | Top

RE: Lost Places: Der vergessene Norden

#5 von Mixer , 01.08.2018 19:08

Nicht nur die Kohle frisst einst bewohnte Orte- auch die Bundeswehr.
Einblicke ins Geisterdorf Lopau
Munster. In Lopau in der Lüneburger Heide lebt niemand mehr. Das Dorf, das nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 200 Einwohner hatte, musste der Schießbahn Sieben des Truppenübungsplatzes Munster-Nord weichen. Wanderer und Jugendgruppen dürfen das Dorf nur betreten, wenn nicht scharf geschossen wird.
Dorthin zu wandern lohnt sich. Wir waren gerade erst im Juli dort.

https://www.weser-kurier.de/region/regio...alid,26413.html

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